CfP „Digital Minds or Digital Mines? Digitale Archäologie als Kritische Archäologie des Digitalen“

22.09.2026 Ganztags

Session der AG TidA in Kooperation mit Propylaeum & NFDI4Objects auf der gemeinsamen Jahrestagung der Verbände für Altertumsforschung  am 22. September 2026 in Bonn

Mittlerweile sind Schlagworte wie Digitalisierung, Digital Humanities/Science, Open Access, FAIRe Daten und nicht zuletzt KI im akademischen Diskurs keine Seltenheit mehr. Durch neue digitale Methoden und Instrumente wird die tägliche Arbeit und Routine gravierend und nachhaltig verändert. So haben nicht nur 3D-Modelle, VR oder auch MOOCs, converted classrooms und hybride/digitale Veranstaltungsformate umfassend Einzug in die Archäologien und Altertumswissenschaften gehalten. Auch Fragen des (Open/Big) Data-Managements oder KI-gestützter Text- und Bildgenerierung, -korrektur sowie -auswertung werden diskutiert und damit verbundene Tools entsprechend genutzt. Hierauf reagiert die Universitätslandschaft nicht zuletzt mit der Einrichtung neuer Professuren und Studiengänge, insbesondere in den Geistes- und Kulturwissenschaften, die sich dezidiert Digitalität, digitalen Methoden und deren kritischer Begleitung widmen. Mit den neuen digitalen Akteur*innen entstehen Möglichkeitsräume, die diverse Potenziale, zugleich aber auch merkliche Herausforderungen für die Forschung und Forschenden bereithält. Hinzu kommt, dass eine Theoretisierung der Einflüsse, Effekte und Konsequenzen einer solchen Digitalisierung bislang noch sehr gering ausfällt.

So sind nicht nur die epistemologischen und ontologischen Prämissen digitaler Tools und deren Hintergründe kritisch zu reflektieren, es steht auch zu hinterfragen, inwiefern sich dadurch die Relationen zum Forschungsobjekt selbst verschieben, auflösen und/oder neu formieren: Wie verändern digitale Tools und Digitalität nicht nur den Methodenapparat, sondern auch unsere Art zu denken (datenorientiertes Denken), Fragen zu stellen, Antworten zu validieren und damit letztlich die Archäologien? Gerade mit Blick auf die (Re)Konstruktion von Vergangenheiten als Entwürfe des Digitalen scheint deswegen eine theoretisch ausgerichtete, kritische Archäologie des Digitalen als Korrektiv und Reflexionsraum (vgl. Hinz 2025) unumgänglich.

Für die Session möchten wir zunächst zwei größere, dennoch miteinander verwobene Bereiche abstecken, welche die Diskussion um Chancen und Herausforderungen von Digitalität und einer Kritischen Digitalen Archäologie rahmen sollen:

Künstliche Intelligenz

Ob GoogleTranslate, DeepL, ChatGPT, KI-Modi in Suchmaschinen oder andere Dienste: KI-basierte Systeme sollen Studium, Forschung und Lehre bzw. allgemein Arbeit und Alltag erleichtern, indem sie komfortabel und zügig Informationen bündeln, übersetzen oder synthetisieren. Die Potenziale für Wissenschaft und Forschung sind immens – von der Bilderkennung und Zuordnung von Fragmenten über Simulationen, Satellitenbildanalysen bis hin bspw. zur Entzifferung der verkohlten und bislang unlesbaren Papyri aus Herculaneum. Zugleich verleiht die ‚Sensationalisierung‘ KI-gestützter Erkenntnisse der ‚Faszination Archäologie‘ neuen öffentlichkeitswirksamen Auftrieb. Die Sorge, dass diese Popularisierung die nötige wissenschaftliche Reflexion und Kritik an die Ränder der Diskussion verdrängt, ist im Grunde nicht neu.

Neu ist vielmehr der ‚selbstverständliche‘ Geltungsbereich von KI: Digitale Werkzeuge und KI scheinen auf den ersten Blick objektiv, korrekt und unhintergehbar. Tatsächlich jedoch ist jede KI – wie jedes Werkzeug, jedes Protokoll, jeder Algorithmus, jede logische Verknüpfung ebenso wie jedes Datenmodell und jede Datenbank, auf die KI-Systeme ‚zugreifen‘ oder die KI-Systeme ‚ausführen‘ – mit dem Menschen bzw. einer wachsenden, oft unüberschaubaren (Ko)Autor*innenschaft verbunden. Deren Annahmen, Perspektiven und Agenden prägen die Modellierungen, Tools, Codes, Standardwerte und -abweichungen als auch die Datenbestände und wirken so – bewusst wie unbewusst – Einfluss aus (vgl. Hinz 2025). Meist bleiben diese Annahmen und Vorbedingungen unsichtbar und unhinterfragt.

Gleichzeitig birgt das ‚Training‘ von KI mit vereinfachten oder Alt-Daten einerseits die Gefahr, vorläufige und simplifizierende Kategorien sowie Klassifizierungen zu verfestigen und anderseits veraltete, einseitige – insbesondere ‚westliche‘ – Ansätze und vorhandene Machtstrukturen in der Wissensproduktion fortzuschreiben (vgl. a. Gattiglia 2024). Diese Normalisierungstendenzen haben erhebliche epistemologische Konsequenzen.

Trotz der unbestreitbaren Möglichkeiten und Erleichterungen für die Forschung, eine kritische Reflexion der Implikationen generativer KIs und der ethischen Dimension (z. B. Transparenz, Nichtdiskriminierung und Dekolonisierung) ist hier unabdingbar.

Big Data & Open Data

Bei jeder Feldforschung, wissenschaftlichen Auswertung und Arbeit entstehen (Forschungs)Daten – in digitaler Form mittlerweile oft in unüberschaubarer Menge. Ob Objekt- oder GIS-Daten, Fotos, Dokumente, Literatur oder andere Digitalisate, ob Mess- oder Metadaten, überall wächst der Berg an digitalen Datensets. In Anlehnung an Hofmann u. a. 2016 kann von einer digitalen ‚MassenDATENhaltung‘ gesprochen werden.

Der Sammlung und Verwaltung dieser vielfältigen Daten begegnet heute zudem der wissenschaftliche Anspruch nach einem nachhaltigen Forschungsdatenmanagement (FDM), insbesondere mit Blick auf Langzeitarchivierung. Durch Digitalität soll Forschung transparenter, Daten dauerhaft zugänglich, abrufbar und leichter weiterverarbeitbar werden. Als Leitfaden hierfür dienen die Empfehlungen der sogenannten FAIR-Prinzipien. Ziel sind in technischer Hinsicht möglichst ‚uneingeschränkt nach-nutzbare‘ Datensätze. Im Umgang mit Daten aus indigenen Kontexten sollen aus datenethischer Perspektive zudem die Empfehlungen der CARE-Prinzipien helfen, indigene Datensouveränität zu wahren.

Zweifelsohne tragen bspw. ein an diesen Prinzipien orientiertes Forschungsdatenmanagement (FDM), Open-Access-Publikationen zu einer offeneren und transparenteren Archäologie bei, die damit einen erheblichen Beitrag zur Wissensliberation leisten kann. Trotzdem sind Open Data aufgrund ihrer technischen und digitalen Voraussetzungen – wie das Vorhandensein digitaler Kompetenzen, Hardware, Software oder einer stabilen Internetverbindung – keineswegs barrierefrei, ebenso wenig wie der digitale Raum ein macht- und herrschaftsfreier Ort ist. So lässt sich im Anschluss daran fragen:

  • Welche Probleme entstehen bei einer nicht gewollten Nach-Verwertung frei verfügbarer Daten z. B. im Rahmen von Dual Use oder illegalem Antikenhandel? Welche Folgen hat das für die wissenschaftliche Arbeit im FDM und wie kann darauf reagiert werden?
  • Kommt durch die ‚MassenDATENhaltung‘ eine neue Form des Empirismus auf, oder andersherum: Rückt Theoriearbeit zugunsten einer digitalen Empirie in den Hintergrund?
  • Welche erkenntnistheoretischen Implikationen bringen eine Hinwendung zum datenorientierten oder gar datengetriebenen Denken (bspw. mit Blick auf technische Verknüpf- sowie Übersetzbarkeit, Kategorisierung und Standardisierung) mit sich und wie ist ihr zu begegnen?
  • Wie verändert die Maschinen(aus)lesbarkeit von bspw. barrierefreien Daten, der tatsächliche Rückgriff darauf und deren Nach-Nutzung die Forschungspraxis und wer profitiert davon?
  • Bedeutet ein Mehr an Daten zugleich auch ein Näher an der vergangenen Wirklichkeit? Oder entstehen vielmehr ganz neue, eigene Verzerrungen, Verstrickungen, Fragmentierungsgrade und epistemologische Lücken?
  • Wie könnte ein kritisch-reflexives und partizipatives FDM aussehen, das z. B. die Fluidität von Wissen und die Diversität, Unverfügbarkeit sowie Wandelbarkeit von Daten mitdenkt?
  • Welchen Einfluss haben menschlicher und künstlicher Bias auf denUmgang mit (großen Mengen an unterschiedlichen) Daten? Wie können standpunkttheoretische Fragen in einem kritisch-reflexiven FDM berücksichtigt werden?
  • Wer bestimmt wie und unter wessen Beteiligung die Agenda hinsichtlich inhaltlicher und formaler Setzungen im FDM?

Für die Session suchen wir Beiträge, welche die Möglichkeiten, Potenziale aber auch Hindernisse von Digitalität ausloten. Dabei sollen keine Best-Practice-Beispiele im Fokus stehen, sondern vielmehr eine kritische Reflexion mit dem Thema, um die Rolle einer Kritischen Archäologie des Digitalen zu bestimmen.

Abstracts für einen Beitrag (Vortrag oder Poster) mit max.200 Wörtern können bis zum 29.05.2026 an mrenger(at)uni-mainz(dot)de und stephanie.renger(at)ub.uni-heidelberg(dot)de gesendet werden.

Organisation:
Martin Renger (AG TidA/Challenges, Mainz) &
Stephanie Renger (AG TidA/Propylaeum/NFDI4Objects, Heidelberg)

Alle Informationen unter: https://www.agtida.de/news/cfp-digital-minds-or-digital-mines/