"Stadt und Umwelt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft"
28.-29.01.2027 in Kiel
Die Unterscheidung von Stadt und Umwelt gehört zu den grundlegenden Vorstellungen modernen Denkens: Hier die Stadt als Raum des Sozialen, Technischen und Politischen, dort die Umwelt als äußere Bedingung, Ressource oder Gefährdung. Für die Analyse urbaner Zusammenhänge ist diese Trennung jedoch nur begrenzt tragfähig. Neuere Theorien haben gezeigt, dass Natur und Gesellschaft nicht als getrennte Sphären zu begreifen sind, sondern auf vielfältige Weise in Beziehung zueinander stehen. Für die Stadt bedeutet dies: Sie ist nicht nur von Umwelt umgeben, sondern gestaltet auch selbst das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt – und diese Organisation verändert sich im Lauf der Geschichte
Die Konferenz setzt an dieser theoretischen Neuausrichtung an. Sie versteht „Umwelt“ ausdrücklich nicht als soziale Umwelt, sondern als naturräumliche, biophysische, atmosphärische, hydrologische, geologische und ökologische Umgebung der Stadt. Im Zentrum steht die Frage, wie Städte in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit Klima, Wetter, Wasser, Boden, Vegetation, Tierwelt, Ressourcenlagen und geophysischer Dynamik verflochten sind — und wie diese Verflechtungen gerade in Krisensituationen deutlich werden.
Theoretisch knüpft die Tagung an Ansätze an, die die Trennung von Natur und Gesellschaft grundsätzlich problematisiert haben. Bruno Latours Überlegungen zu hybriden Kollektiven lenken den Blick auf die Stadt als Gefüge heterogener Akteure, in dem technische Infrastrukturen, Stoffe, Organismen und politische Ordnungen untrennbar ineinandergreifen. Donna Haraways Arbeiten zu Verflechtung und mehr-als-menschlicher Koexistenz zeigen, dass die Stadt nicht nur als menschlicher Handlungsraum, sondern als geteiltes Habitat verschiedener Lebensformen zu verstehen ist. Dipesh Chakrabartys Überlegungen zum Anthropozän verschieben die Perspektive schließlich auf die Überlagerung sozialer, klimatischer und geologischer Zeitlichkeiten, in die urbane Räume eingebettet sind.
Für die Stadtforschung haben sich diese theoretischen Impulse insbesondere dort als produktiv erwiesen, wo urbane politische Ökologie, urbaner Metabolismus, More-Than-
Human Urbanism und planetarische Urbanisierung die Stadt als konflikthafte Konfiguration gesellschaftlich-natürlicher Verhältnisse beschreiben. Wasser, Luft, Boden, Vegetation, Energie, Abfall und Infrastruktur sind in dieser Perspektive nicht als äußere Umweltfaktoren, sondern als Bestandteile urbaner Stoffwechsel zu verstehen. Die Frage lautet dann nicht mehr, wie Natur auf die Stadt einwirkt, sondern wie Umweltverhältnisse in der Stadt entstehen, ungleich verteilt und in Krisen sichtbar werden.
Ein besonderes Interesse gilt krisenhaften Konstellationen, weil sie die Voraussetzungen urbaner Ordnung mit besonderer Deutlichkeit herausstellen. Fluten und Überschwemmungen, Dürren und Wasserknappheiten, Brandereignisse und Rauchbelastungen, Hanginstabilitäten, Erosionen oder vulkanische Prozesse machen sichtbar, dass die Stadt weder autonom noch vollständig kontrollierbar ist. In solchen Krisensituationen treten die materiellen, infrastrukturellen und politischen Bedingungen des Urbanen ebenso hervor wie seine ökologischen Abhängigkeiten und ungleichen Vulnerabilitäten.
Die Konferenz stellt die Stadt als ein von der Umwelt geprägtes Umfeld in den Mittelpunkt: Wie werden urbane Räume durch naturräumliche Bedingungen geprägt? Wie bearbeiten, transformieren und verdrängen Städte ihre Umwelt? Wie werden Krisen wahrgenommen, reguliert, erinnert und in Zukunftsentwürfe übersetzt? Und welche Begriffe des Urbanen werden möglich, wenn Umwelt nicht länger als äußeres Gegenüber, sondern als konstitutives Merkmal der Stadt verstanden wird?
Mögliche Fragestellungen sind unter anderem:
- Wie lässt sich die Stadt als Zusammenspiel von gesellschaftlichen (mithin sozialen, kulturellen, politischen, juristischen und religiösen) Faktoren und natürlichen Faktoren verstehen?
- Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Kritik der Natur-Gesellschaft-Trennung für das Verständnis urbaner Räume?
- Wie können Perspektiven einbezogen werden, die nicht nur den Menschen, sondern auch Tiere, Pflanzen und andere Elemente der Umwelt berücksichtigen?
- Wie verändert die Anthropozän-Debatte unseren Blick auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Städten?
- Was zeigen Ereignisse wie Überschwemmungen, Dürren, Brände oder Vulkanausbrüche über die Beziehung zwischen Stadt und Umwelt?
- Wie lassen sich Umweltkrisen als Ereignis von historisch gewachsenen Vulnerabilitäten verstehen?
- Welche verschiedenen Zeitlichkeiten (z. B. kurze Ereignisse und langfristige Entwicklungen) wirken gleichzeitig in den Umweltverhältnissen von Städten?
- Wie verändern Umweltkrisen die Art und Weise, wie Menschen Städte wahrnehmen, Wissen über die ordnen und sich ihre Zukunft vorstellen?
Wir freuen uns über Beiträge aus allen Wissenschaftsbereichen.
Einreichungen
Erbeten werden Abstracts von max. 100 Wörtern sowie eine kurze biographische Notiz von max. 50 Wörtern. Bitte senden Sie Ihre Abstracts samt biographischer Notiz bis 1. Juni 2026 an: stadt.umwelt.cau@gmail.com
Für Beitragende von außerhalb Kiels können, wenn das Abstract angenommen wird, die Hotelkosten für zwei Nächte übernommen werden.
Benachrichtigung über die Annahme: 15. Juni 2026
Organisation: Prof. Dr. Annette Haug, Klass. Archäologie, CAU Kiel
Prof. Dr. Katrin Rehdanz, Umwelt- und Energieökonomik, CAU Kiel
Funding: Forschungsschwerpunkt SECC der CAU Kiel,
see: https://www.uni-kiel.de/de/forschung/forschungsschwerpunkte/secc
